ADS und ADHS: Eine Herausforderung für Eltern und Kinder
Mittwoch, 01. Jun 2011, 08:00
Eltern und Kinder mit ADHS haben es schwer
Der Unterschied zwischen ADS und ADHS ist das "H", das für "Hyperaktivität" steht. ADS beschreibt den Träumer, den Schusseligen, bei dem normale Arbeiten lange dauern, der sich ständig ablenken lässt. ADHS dagegen betrifft ein Kind in ständiger Bewegung, das nicht stillsitzen kann, den Klassenclown, der sich nicht an Regeln halten kann. Zwischen diesen Extremen gibt es Mischformen mit verschiedenen Kombinationen der Symptome und Auffälligkeiten. Mädchen haben häufiger ADS, während Jungen eher mit der Ausprägung ADHS zu kämpfen haben. Nach neusten Erkenntnissen sind zwischen drei und sieben Prozent der Schulkinder von der Störung betroffen, wobei der Anteil der Jungen rund fünfmal größer ist. Über die Ursachen der Erkrankung kann bisher niemand genaue Angaben machen. Die aktuelle Einschätzung ist die, dass im Gehirn der Informationsaustausch zwischen bestimmten Gehirnbereichen nur unzureichend funktioniert. Im Folgenden wird die Krankheit als ADHS bezeichnet.
Die grundsätzlichen Symptome bei ADHS
| Merkmale | Ausprägung: Betroffene Kinder |
|---|---|
| Unaufmerksamkeit |
|
| Hyperaktivität |
|
| Impulsivität |
|
Daraus ergeben sich drei grobe Unterteilungen der Erkrankung
- Der Zappelphilipp: Der Schwerpunkt der Auffälligkeiten liegt bei Hyperaktivität und Impulsivität
- Der Hans-guck-in-die-Luft: Der Schwerpunkt findet sich bei der Unaufmerksamkeit
- Der Misch-Typ: Hier ist sowohl die Aufmerksamkeit gestört als auch die Hyperaktivität zu finden
Die Auffälligkeiten der Kinder und Jugendlichen kommen in verschiedensten Kombinationen und Ausprägungen vor. Fest steht aber, dass Kinder mit ADS/ADHS anders sind. Sie stören ständig, ob im Kindergarten, in der Schule oder zu Hause. Sie stellen Eltern, Lehrer und Erzieher vor große Probleme und bereiten in den meisten Fällen sich selbst die größten Schwierigkeiten.
Was ist ADHS nicht?
ADHS ist nach Ansicht der Experten kein Problem falscher Erziehung. ADHS ist eine Funktionsstörung, eine psychische Erkrankung. Kinder mit ADHS sind nicht zwangsläufig dumm. Sie sind durchschnittlich genauso intelligent wie ihre Altersgenossen. Durch ihre Erkrankung sind sie von ihren tatsächlichen Möglichkeiten oft abgeschnitten. ADHS wächst sich nicht aus. Es gibt auch Erwachsene mit ADHS. In vielen Fällen haben sie Strategien gegen ihre Probleme mit sich selbst und ihrer Umwelt entwickelt. Neue Forschungen haben eine genetische Disposition feststellen können, die das Stoffwechselsystem der Botenstoffe im Gehirn negativ beeinflussen könnte.
ADHS - eine lebenslange Aufgabe
Bereits Säuglinge fallen durch langes Schreien und Unruhe auf, auch ständige schlechte Laune und Problem beim Essen, Schlafen und bei der Aufnahme von Körperkontakt sind nicht unüblich.
Als Kleinkinder sind ADHS-Kinder unberechenbar und neigen zu ausgeprägtem Trotzverhalten. Auch haben sie häufig Unfälle. Das gilt auch für Schulkinder, die vor allem Probleme mit der Einhaltung von Regeln haben, oft eine Lese-Rechtschreib-Schwäche haben und eine soziale Außenseiterposition einnehmen. Aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen im sozialen Umfeld haben viele ADHS-Kinder ein geringes Selbstbewusstsein.
Jugendliche verweigern oft jegliche Leistung, sind aggressiv und stehen ständig in Opposition. Sie konsumieren oft Drogen und Alkohol und werden häufiger kriminell. Auch Erwachsene leiden noch unter ihrer Krankheit. Sie können schlecht planen und organisieren, sind vergesslich, schusselig und unbeständig. Auch hier findet man überdurchschnittlich oft Jähzorn, Ängste und Depressionen, Konsum von Alkohol und Drogen. ADHS verschwindet nicht einfach und wächst sich auch nicht aus. Doch können die Betroffenen Strategien entwickeln, um mit ihren Schwächen umzugehen.
Die positive Seite der Erkrankung
Doch ergibt nicht nur negative Aspekte der psychischen Störung. Menschen mit ADHS haben zum Ausgleich oft sehr markante Qualitäten und Eigenschaften. Sie fallen durch großen Reichtum an Ideen auf, sind sehr begeisterungsfähig und hilfsbereit. Sie haben verstärkt künstlerische Fähigkeiten und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. In der Literatur und in den Medien gibt es eine Reihe von Beispielen von Kindern mit ADHS, angefangen beim Zappelphilipp aus dem Struwwelpeter, nach dem das Syndrom oft benannt wird. Der Hans-Guck-in-die-Luft ist der Prototyp eines Kindes mit ADS ohne die Hyperaktivität. Astrid Lindgrens Michel aus Lönneberga ist ebenfalls ein treffendes Beispiel. Viele erwähnen in diesem Zusammenhang auch die schwedische Zeichentrickserie Petterson und Findus. Der hyperaktive Kater kann den absolut stoischen Petterson nicht aus der Ruhe bringen.
Der erste Schritt: Die Diagnose
Es ist ausgesprochen schwierig, die Krankheit tatsächlich zu erkennen, vor allem für Laien. Die Grenzen zwischen altersbedingten Auffälligkeiten und dem tatsächlich krankhaften Syndrom sind oft fließend. Nicht jedes energiegeladene und quirlige Kind hat ADHS, und nicht jedes verträumte Mädchen ist von der Krankheit betroffen. Nur erfahrene Kinderärzte oder Kinder- und Jugendpsychiater können in Zusammenarbeit mit Eltern, Lehrern und Erziehern die zutreffende Diagnose stellen und eine angemessene Behandlung beginnen. Diese Diagnose besteht aus mehreren Bestandteilen:
- Die betroffenen Kinder werden befragt, ebenso die Eltern, Lehrer und Erzieher
- Mit verschiedenen differenzierten Testverfahren in der Hand von Fachleuten kann eine Aussage gemacht werden
- Es ist vor allem wichtig, dass andere Störungen oder Fehlverhalten ausgeschlossen werden können
Erst nach der Auswertung all dieser Tests und Untersuchungen kann eine sichere Aussage gemacht werden.
Eine ADHS-Therapie besteht aus vielen Bausteinen
An der bereits erwähnten Petterson-Figur können sich betroffene Eltern vielleicht orientieren. Denn sie spielen eine wichtige Rolle bei der Behandlung von ADHS. Zunächst einmal sei gesagt, dass die Störung nicht heilbar ist. Die Behandlung von ADHS kann nur zum Ziel haben, den betroffenen Kindern und Jugendlichen ein möglichst normales und störungsfreies Leben zu ermöglichen. Eine solche Therapie setzt sich aus vielen Bausteinen zusammen.
- Die Eltern müssen informiert, aufgeklärt und beraten werden. Auch das Umfeld in Kindergarten und Schule muss einbezogen werden, damit eine sinnvolle Zusammenarbeit möglich ist.
- Ein Training, die Schulung der Eltern und eine Familientherapie können helfen, die oft sehr schwierige Situation in der Familie zu entschärfen.
- Erst im Schulalter sind kognitive Verhaltenstherapien möglich. Mit einer solchen Therapie können die Betroffenen selbst lernen, ihr Verhalten besser einzuschätzen, zu kontrollieren und anzupassen.
- Therapie mit Medikamenten
All diese Ansätze für eine Therapie müssen koordiniert und dem jeweiligen Kind oder Jugendlichen individuell angepasst werden. Solange ein Kind noch nicht in die Schule geht, sind Elternarbeit und die Aufklärung des Umfeldes die Maßnahmen der Wahl. Eine kognitive Therapie ist in diesem Alter noch nicht möglich. Nur wenn alle Gespräche und Maßnahmen zur Aufklärung keinen Erfolg haben, kann über Medikamente nachgedacht werden. Bei Schulkindern und Jugendlichen stehen Aufklärung und Elterntraining im Vordergrund. Bei bereits vorhandenen Schäden kann eine Therapie mit Medikamenten sofort eingesetzt werden. Wenn ein Kind trotz der therapeutischen Maßnahmen immer noch sehr unruhig oder aggressiv ist, so kann auch hier die medikamentöse Therapie hilfreich sein.
Begleitende Maßnahmen
Verantwortliche Eltern werden sehr gut überlegen, ob sie ihrem Kind Medikamente geben wollen. Begleitend kann sicher einiges getan werden, um die ADHS-Symptome zu lindern. Gesunde Ernährung ohne Süßigkeiten oder Zusatzstoffe in der Nahrung, Massagen und Akupunktur sowie beruhigende Heilpflanzen oder der Schutz vor Reizüberflutungen können hilfreich sein. Gesicherte Erkenntnisse über die Wirkung solcher Maßnahmen gibt es aber nicht.
Anmerkungen zur Behandlung von ADHS mit Medikamenten
Es ist eine schwierige Entscheidung, ob ein Kind mit Medikamenten gegen ADHS behandelt werden soll. Vor allem in früheren Jahren wurde viel zu oft zu Ritalin und ähnlichen Medikamenten gegriffen. Fast all diese Arzneimittel enthalten den Wirkstoff Methylphenidat, der die Botenstoffe im Gehirn reguliert und so die Übermittlung von "Nachrichten" zwischen den Gehirnarealen wieder störungsfrei gestalten kann.
Oft wurde Eltern der Vorwurf gemacht, dass sie ihre Kinder einfach nur mit der schnellen Tablette "ruhigstellen" wollten. Doch es gibt Fälle, bei der nach genauer Diagnose und Absprache mit dem Arzt eine Therapie mit Medikamenten hilfreich und nötig sein kann. Doch muss man sich darüber klar sein, dass eine solche Therapie über einen längeren Zeitraum durchgeführt werden muss. Zudem sollte der Arzt über mögliche Nebenwirkungen aufklären.
In Deutschland nehmen nach Schätzungen mindestens 70.000 Menschen Ritalin ein, in den meisten Fällen Kinder zwischen dem sechsten und dem achtzehnten Lebensjahr. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung will den Verbrauch einschränken. Auch wenn das Medikament für Kinder gedacht ist, so verändert es die Sinneseindrücke und ihre Verarbeitung im Gehirn.
Fachleute warnen davor, Kinder im Vorschulalter ohne Kontrolle mit Methylphenidat zu behandeln, denn bei Kindern unter sechs Jahren gibt es kaum Erfahrungen. Es gibt auch andere Mittel wie Antidepressiva oder Beruhigungsmittel, die bei ADHS eingesetzt werden. Auf jeden Fall muss der Arzt vor jeglicher medikamentösen Behandlung den Patienten vorher untersuchen, ob eine solche Therapie möglich ist!
Ziel einer medikamentösen Therapie muss es sein, die Lebensqualität der Kinder zu verbessern und ihre seelische Grundbefindlichkeit zu stabilisieren. Art und Dosierung des Medikamentes müssen von einem Fachmann festgelegt werden. Eltern sollten sich gut über Wirkungsweise und mögliche Nebenwirkungen informieren.
Tipps für Eltern
In der Literatur in Zusammenhang mit hyperaktiven Kindern kommen die Erwachsenen gut weg, die mit Gelassenheit, Besonnenheit und zugewandter Ruhe auf die Herausforderungen reagieren. Wenn auch jedes Kind individuell behandelt werden muss und die Eltern auf Bedürfnisse und Verhaltensweisen ihrer Kinder gezielt eingehen müssen, gibt es doch ein paar grundsätzliche Regeln. Sie gelten allgemein für den Umgang mit ADHS-Kindern.
| Das sollten Eltern beherzigen | Erklärung |
|---|---|
| Struktur, klare Abläufe und Regeln | ADHS-Kinder haben große Probleme, ihren Tagesablauf zu strukturieren. Eltern sollten ihren Kindern helfen, den Überblick zu behalten und Aufgaben in kleine, überschaubare Teilschritte gliedern. Ein regelmäßiger Tagesablauf ohne viele Überraschungen gibt Sicherheit. |
| Mut machen | Ein Kind mit ADHS hat wenig Durchhaltevermögen. Es muss immer wieder ermutigt werden, ein Vorhaben auch bis zum Ende durchzuführen. |
| Belohnung statt Strafen | Es kann von Vorteil sein, ein Belohnungssystem zu etablieren. Gewünschtes Verhalten sollte positiv verstärkt werden. Zeigt das Kind auch nur Ansätze solcher Verhaltensweisen, kann es mit Bonuspunkten belohnt werden. |
| Wechselbeziehungen erkennen | Elterliche Reaktionen auf inadäquates Verhalten müssen sofort erfolgen. Vergeht zu viel Zeit, verpufft die Wirkung von Strafen und Belohnungen. Die Förderung positiver Eigenschaften ist wirkungsvoller als die Strafe für negatives Verhalten, das immerhin mit dem Charakter des Kindes nichts zu tun hat. Es ist Auswirkung der Krankheit. |
| Angemessene Freiheit zulassen | Einschränkungen verträgt niemand gut, ein ADHS-Kind noch viel weniger. Es braucht Aktivitäten mit gleichaltrigen, reichlich Sport und Bewegung. So kann sich ein solches Kind austoben, lernt gleichzeitig das Einhalten von Regeln und kann den Stoffwechsel der Botenstoffe im Gehirn stabilisieren. |
| Unterstützung | Eltern sollten die Begabungen ihres Kindes erkennen, sie unterstützen und fördern. Mehr als andere Kinder brauchen Kinder mit ADHS Erfolge, die ihr Selbstbewusstsein stabilisieren. |
| Hausaufgaben | Für viele Eltern eine Qual. Hier gilt: Ordnung ist extrem wichtig. Ein aufgeräumter Schreibtisch, geordnete Hefte und der Stundenplan als roter Faden sind Voraussetzungen. Bei den Aufgaben sollte man nicht drängeln, nicht ungeduldig werden oder strafen. Die Aufgaben sollten in kleine Teilschritte gegliedert werden, bei der Arbeit immer wieder loben und ermuntern. |
| Elterliches Gleichgewicht | Ein ADHS-Kind fordert die Eltern permanent. Deshalb gönnen Sie sich Zeit, um die eigene Batterie wieder aufzuladen. Auszeiten und Aktivitäten können helfen. Das Problem ADHS darf nicht den größten Teil der elterlichen Zeit beanspruchen. Wissen ist wichtig: je größer das Wissen über die Krankheit, um so besser können die Probleme bewertet und gelöst werden. Selbsthilfegruppen können hilfreich sein. |
Kosten: Gesetzliche Krankenkassen
Wenn der Arzt eine Behandlung mit Medikamenten verordnet, so werden diese Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Allerdings zahlen einige Krankenkassen bei Erwachsenen eine Therapie mit Ritalin nicht. Bei Erwachsenen ist die Wirksamkeit des Medikamentes nicht nachgewiesen.
Andere therapeutische Maßnahmen werden unterschiedlich gehandhabt. Liegt ein ärztliches Gutachten vor, so werden verschiedene Therapien von Legasthenietherapie, logopädischen und motorischen Therapien, über Aggressionstraining bis hin zu Familientherapie und Erziehungsberatung gezahlt.
Probleme kann es mit dem Elterntraining geben. Grundsätzlich übernehmen die Krankenkassen solche Maßnahmen nicht. Wird die Notwendigkeit eines solchen Trainings aber gut begründet und ärztlich gefordert und unterstützt, so ist zumindest ein Zuschuss zu den Kosten möglich.
Kosten: Private Krankenversicherung
Die private Krankenversicherung übernimmt die Kosten für Medikamente, wenn sie für die Behandlung von ADHS zugelassen sind. Die Situation ist der in den gesetzlichen Krankenkassen ähnlich. Wie immer bei den privaten Krankenversicherern kann die Situation unterschiedlich sein. Welche Therapien übernommen werden, ist in den vertraglichen Bedingungen festgelegt. Da Kinder in einer privaten Krankenversicherung extra, also mit einem eigenen Vertrag versichert sind, gilt immer der festgelegte Leistungsumfang im fraglichen Vertrag.
Für das so wichtige Elterntraining gilt Ähnliches wie bei den gesetzlichen Krankenkassen. Hier können je nach Vertrag die Kosten vollständig übernommen werden. Ob es Begrenzungen gibt, klärt ein Anruf bei der privaten Krankenversicherung.






