Twitter-Operation: Gefährdung der Patientensicherheit
Freitag, 15. Jan 2010, 14:28
Twitter beim Operieren - Patienten könnten gefährdet sein
Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) sieht diese Entwicklung mit Besorgnis. Denn es könnte ja gut sein, dass so etwas wie schon so oft aus den Vereinigten Staaten nach Europa „überschwappt“. Im August des vergangenen Jahres gab es solch eine kommentierte Operation. Im US-Staat Iowa wurde einer älteren Patientin des St. Luke’s Hospitals in Cedar Rapids die Gebärmutter entfernt. Im Operationssaal war eine Mitarbeiterin des Krankenhauses damit beschäftigt, den Eingriff zu dokumentieren. Über Twitter konnte jeder den Fortschritt der dreistündigen Operation verfolgen. Es gab rund 300 kurze Statements, mit denen der Ablauf des Geschehens genau festgehalten wurde, und das von der ersten Betäubung bis zur Entnahme des Organs und dem Abschluss der chirurgischen Maßnahme.
Öffentliches Operieren
An Computer und am Handy konnte jeder den Operationsverlauf verfolgen. Das taten dann auch mehrere hundert Interessierte. Das Krankenhaus hatte die Absicht, mit dieser Aktion die Angehörigen ständig auf dem Laufenden zu halten. Auch sollte die allgemeine medizinische Aufklärung gefördert und unterstützt werden. Es gibt noch etliche andere Krankenhäuser in den USA, die seit dem Januar des vergangenen Jahres Operationen per Twitter übertragen. Natürlich ist das Einverständnis aller Beteiligten, der Patienten, der Angehörigen und auch der agierenden Chirurgen dafür Voraussetzung. Es liegt in der Natur der Sache, dass nicht nur die Familie und Freunde der Patienten den Operationsverlauf verfolgen, sondern auch völlig Außenstehende.
Gefahr im Operationssaal
In Deutschland twittert es noch nicht aus dem Operationssaal. Die DGCH sieht die amerikanischen Geschehnisse trotzdem mit sehr kritischen Augen. Zwar ist es heute üblich, dass die Angehörigen nach einer Operation sofort informiert werden. DGCH-Generalsekretär Professor Dr. Hartwig Bauer macht aber deutlich: „Während der Operation muss sich das Personal ausschließlich auf den Patienten konzentrieren.“ Auch ist es zumindest in deutschen Operationssälen üblich, so wenig wie möglich zu sprechen. Durch häufiges Sprechen erhöht sich das Infektionsrisiko für den Patienten. Auch ist die Gefahr von Ablenkungen groß, und ein unkonzentrierter Chirurg kann keine präzise Arbeit leisten. Beim Twittern müsste der Chirurg seine Arbeit ständig kommentieren, so dass die Konzentration nachlassen könnte. „Die Sicherheit des Patienten hat oberste Priorität,“ sagt Professor Bauer.
Datenschutz und Schreckensmeldungen
Der Datenschutz ist ein weiterer Aspekt, unter dem das Twittern von einer Operation sehr fragwürdig wird. Es sind immerhin sensible Daten und Fakten, die einem unüberschaubaren Personenkreis zugänglich gemacht werden. Weiter meint Professor Bauer, dass auftretende Komplikationen bei einem Eingriff zu Irritationen führen. Sowohl die Kommentare zu kritischen Ereignissen oder auch ein plötzliches Aufhören der Informationen würden die Angehörigen nur beunruhigen. Dabei sollte doch das Gegenteil erreicht werden. Hartwig Bauer ist nicht davon überzeugt, dass die Angehörigen eines OP-Patienten wirklich über jedes Detail unterrichtet werden sollten. Er meint, dass Hinweise wie zum Beispiel: „Der Tumor sitzt genau auf dem Harnleiter“ oder „die Blutung ist so stark, dass die Milz entfernt werden muss“ keinesfalls Hilfe und Beruhigung für die Angehörigen sein können.






