Studie: Zuzahlung für Medikamente nicht effektiv
Freitag, 19. Feb 2010, 20:58
Die Zuzahlungen für Medikamente sind nicht wirksam, so ein Studie.
Die ersten Zwischenergebnisse einer Studie des Bremer Institutes für Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung (BIAG) in Zusammenarbeit mit der Versandapotheke „Sanicare“ zeigen, dass Medikamentenzuzahlungen nicht den erhofften Erfolg mit sich bringen. Seit November wurden 1200 vor allem chronisch kranke Patienten nach der Einflussgröße von Zuzahlungen auf ihre Therapietreue befragt. Der Studie nach wirken sich die Kosten nicht positiv aus und Wissenschaftler melden nach den ersten Zwischenergebnissen bereits Zweifel an. Dieses wurde in anderen Industrieländern bereits erforscht und auch nachgewiesen. Insgesamt sollen 6000 Patienten aller Altersklassen und Sozialschichten befragt werden.
Ergebnisse der BIAG-Studie
Die Zwischenergebnisse der Studie des BIAG zeigen erste konkrete Zahlen. Demnach erhoffen sich 70 Prozent der Befragten mit einem Hauptschulabschluss keine Verbesserung der Therapieerfolge mittels Zuzahlungen. 80 Prozent der Teilnehmer mit Abiturabschluss äußern ebenfalls Zweifel an die positive Wirkung der Medikamentenzuzahlungen auf die Therapien. Die kritische Auffassung der Befragten zieht sich sowohl durch alle Altersklassen als auch durch alle Sozialschichten. Die Treue der Patienten sei umso höher, je ausführlicher Ärzte und Ärztinnen diese über die Arzneimittel aufklärten.
Expertenmeinungen
Studienautor Dr. Bernhard Braun ist der Auffassung, dass Zuzahlungen auf Arzneimittel eher zu einer mangelnden Therapietreue führten. Patienten reagierten oft negativ auf den Extraobolus, den sie für ihre Medikamente bezahlen mussten. Dieser beträgt mindestens fünf und maximal zehn Euro und bewirkte, dass die Patienten die Dosis des verordneten Präparates verringerten, damit die Medikamentenverpackungen länger ausreichten. Zudem würden einige Patienten die Therapie eher abbrechen als Zuzahlungen zu leisten. Dr. Braun betonte, dass Therapieabbrüche dem Gesundheitssystem viel Geld koste, da diese mit neuen Gesundheitsrisiken verbunden seien. So könne beispielsweise eine Krankheit verschleppt werden. Des Weiteren akzentuierte er die ärztliche Information und Beratung, denn Therapien werden eher abgebrochen, wenn Ärzte die Patienten nicht genau über die Arzneimitteil aufklärten.
Professor Gerd Glaeske, Mitglied im Gesundheits-Sachverständigenrat, kritisierte, dass Arzneimittel-Zuzahlungen in erster Linie dazu dienten Krankenkassen finanziell zu entlasten. “Zuzahlungen sind quasi zusätzliche Einnahmen ohne Arbeitgeberanteil.” Zudem betonte er die Betroffenheit der sozial schwachen Patienten. “Eine kleine Gruppe zahlt ziemlich viel. Ich halte das höchst unsozial.”
Zuzahlungen: Zahlen und Hintergrund
Jährlich leisten Krankenversicherte Zuzahlungen in eine Höhe von geschätzte 2,2 Milliarden Euro. Diese dienen insbesondere der Finanzierung des Gesundheitssystems und verzeichneten in den letzten 40 Jahren einen Anstieg von 8 auf 13 Prozent der Gesamtausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung. Im Jahr 2009 brachten die Zahlungen für Heilmittel und Krankenhausaufenthalte den Krankenkassen etwa 10 Milliarden Euro ein.
Zuzahlungen dienen dazu, dass Patienten medizinisch nicht notwendige Leistungen in Anspruch nehmen. Dieses ist jedoch sehr umstritten. So wurden diese beispielsweise in den Niederlanden Ende der 90`er Jahre abgeschafft. Hierbei stellte sich nämlich heraus, dass notwendige Leistungen für chronisch Kranke verhindert wurden und höhere Folgekosten entstanden. Hierbei waren besonders sozial schwache Menschen betroffen. Der Mediziner Jens Holst aus Berlin erklärte zudem die Reaktionen von Kanada und Italien auf die Zuzahlungen. Nach einer Zuzahlungserhöhung wären mehr Bluthochdruckpatienten in Krankenhäusern und Rettungsstationen zu finden. Außerdem seien mehr ältere Menschen in Heimen untergebracht.






