Umstrittene Kopfpauschale

Kopfprämie - Last oder Chance für private Krankenversicherung

Donnerstag, 18. Feb 2010, 15:25
Die geplante Gesundheitsreform ist zunächst bei den privaten Krankenversicherern auf erwartungsvolle Zustimmung gestoßen. Doch nun warnen Experten vor allzu großem Enthusiasmus. Die Einführung einer Kopfpauschale könnte für die Branche recht unangenehme Auswirkungen haben.
Private Krankenversicherung: Pro oder Kontra Kopfpauschale?

Private Krankenversicherung: Pro oder Kontra Kopfpauschale?

Die privaten Krankenversicherer sind offensichtlich verunsichert, denn die Neugestaltung des Gesundheitssystems bietet für die private Krankenversicherung (PKV) bei näherem Hinsehen nicht nur Positives. Am vergangenen Freitag brachte der Vorsitzende des PKV-Verbandes Reinhold Schulte die Befürchtungen auf den Punkt: „Das ist ein Einstieg in die staatlich verordnete Medizin.“ Man wolle keine „englischen Verhältnisse“, denn in England werden die Gesundheitskosten über die Steuern finanziert. Es könnte sein, dass nun auch die privaten Krankenversicherer für ihre knapp neun Millionen Versicherten gegen die Kopfpauschale Front machen. Diese Umstrukturierung könnte die wichtigste Klientel vom Eintritt in eine private Krankenversicherung abhalten: Die jungen, gesunden und gut verdienenden Kunden. Lässt dieser Zustrom nach, so werden die Beiträge für die Bestandskunden mit Sicherheit nicht geringer.

Gefahr im Verzug 

Aktuell wird der Beitrag zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) prozentual vom jeweiligen Einkommen erhoben. Den will die schwarz-gelbe Regierung nach den Beschlüssen aus dem Koalitionsvertrag vereinheitlichen. Es gibt noch keine Einzelheiten, doch verschiedene Rechenmodelle gehen von einer künftigen Pauschale zwischen 100 und 145 Euro aus, sogar 200 Euro waren schon im Gespräch. Doch wie hoch eine solche Prämie auch immer ausfallen würde, Experten sehen große Schwierigkeiten. „Die Kopfpauschale in der GKV macht den Systemübertritt in die PKV finanziell unattraktiv“, fürchtet Professor Heinz Rothgang, Gesundheitsökonom an der Universität Bremen. Nimmt man eine Kopfpauschale von 125 Euro an, so würde sich der Beitrag eines freiwillig in der GKV Versicherten um mehr als 170 Euro vermindern. Es gibt dann zumindest keinen finanziellen Anreiz für den Wechsel in eine private Krankenversicherung. „Das Finanzierungsmodell der PKV wankt dann trotz Altersrückstellungen,“ fürchtet Professor Rothgang.

Kundenschwund

Der Bremer Professor steht mit seiner Meinung nicht allein. Auch Professor Stefan Greß, Gesundheitsökonom aus Fulda, sieht Schwierigkeiten für die PKV kommen. Er schätzt, dass sich der Zustrom der neuen Kunden halbieren würde, was sich bereits bei der Ausdehnung der Wechselfrist gezeigt habe. Die Grundlage für attraktive Tarife vieler privaten Krankenversicherer waren eben die bereits erwähnten jungen und gesunden Neukunden. Es könnte für einige Versicherer erhebliche Probleme durch die geplante Kopfpauschale geben, wenn keine neuen Kunden nachrücken.

Preisverfall

Sorgen um das sogenannte „Nachwuchsgeschäft“ macht sich auch Peter Schramm. Er ist PKV-Sachverständiger für Versicherungsmathematik. Er macht deutlich, dass der Preis in Zeiten hoher Beiträge und Zusatzbeiträge der gesetzlichen Krankenversicherung für die PKV ein bestimmendes Verkaufsargument ist. Doch mit einer Kopfpauschale wäre ein solches Verkaufsargument hinfällig. „Das wäre ein richtiges Halteprogramm für die GKV und ist für die PKV auf Dauer sehr schädlich.“

Fokus auf Leistungen

Doch solche Szenarien sind nicht festgeschrieben, und andere Entwicklungen sind ebenfalls im Bereich des Möglichen. Gesundheitsökonom Professor Wolfgang Greiner lehrt an der Universität Bielefeld. Er hält eine andere Entwicklung für durchaus denkbar. Er glaubt, dass durch die Einführung der Kopfpauschale der Leistungskatalog noch weiter gekürzt werden wird. Der Grund für diese Annahme ist die Struktur der Kopfpauschale als solche. Eine Erhöhung des Pauschalbeitrages wird intensiver erlebt und auch abgelehnt als eine prozentuale Erhöhung, die kaum wahrgenommen wird.

Leistungsgerecht

Durch diese Leistungskürzungen werden die Unterschiede zwischen der gesetzlichen und privaten Krankenversicherung deutlich hervorgehoben. Die PKV könnte dann wieder mehr auf ihre besseren Leistungen verweisen und damit zum Erfolg kommen. „Außerdem wird die Bedeutung der Zusatzversicherung für die PKV steigen, um die Lücken im GKV-Bereich zu schließen“, meint Professor Greiner. Die zukünftige Entwicklung wird zeigen, welches Konzept tragfähiger, welche Vorhersage zutreffend und der Realität angemessen sein wird.

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