Widerspruchs- oder Zustimmungslösung

Gesetz zur Organspende in Deutschland wird neu diskutiert

Montag, 30. Aug 2010, 15:34
Die Nierenspende des Vorsitzenden der SPD-Fraktion, Frank-Walter Steinmeier, hat die Diskussion um Organspenden in Deutschland wieder aufleben lassen. Hierzulande herrscht ein eklatanter Mangel an Spenderorganen. Die Regierungskoalition will diese Situation verbessern. Ein Spenderausweis könnte in den Führerschein integriert werden.
Nur wenige Menschen haben einen Organspendeausweis

Nur wenige Menschen haben einen Organspendeausweis

Man sollte sich zumindest einmal im Leben mit der Organspende auseinandersetzen, meint Jens Spahn, der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion. Eine günstige Gelegenheit dazu sei der Erwerb des Führerscheins. “Wir können zudem wie an anderen Ländern einen Organspendeausweis in den Führerschein selbst integrieren, den trägt fast jeder Deutsche immer bei sich.” In Deutschland gilt aktuell die “erweiterte Zustimmungslösung”. Organe dürfen nur dann entnommen werden, wenn der Tote zu Lebzeiten ausdrücklich einer Entnahme zugestimmt hat. Auch die Angehörigen können die Organspende erlauben. Politiker der CDU/SU haben nun für die “Widerspruchslösung” plädiert. Mit einer solchen Regelung wäre jeder Bundesbürger ein möglicher Organspender. Wer eine Organspende ablehnt, muss ausdrücklich Widerspruch einlegen.

Ärzte und Politiker für Widerspruchslösung

Der Deutsche Ärztetag hatte das Problem bereits im Mai diesen Jahres zum Thema gemacht und die Widerspruchslösung propagiert. Auch Rolf Koschorrek, Obmann der CDU/CSU-Fraktion im Gesundheitsausschuss, will sich ebenfalls für die Widerspruchslösung einsetzen. Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung sieht in dieser Lösung einen guten Ansatz. “In Anbetracht des Mangels an Spenderorganen muss über alle Möglichkeiten offen diskutiert werden, die zu einer Verbesserung der Situation führen.“ Sollte die Widerspruchslösung eingeführt werden, würde das eine Änderung des bestehenden Gesetzes bedeuten.

Gesetze schaffen mehr Misstrauen  

Der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Frank-Ulrich Montgomery, äußerte sich allerdings kritisch zu dem Vorhaben. Jeder Mensch habe das Recht, sich mit seinem Tod auseinanderzusetzen. Doch genau so habe jeder das Recht, eine solche Auseinandersetzung nicht zu führen. Auf diesem Hintergrund könne schon die Debatte um eine Verschärfung bestehender Gesetze die Vorbehalte der Bürger gegen die Transplantationsmedizin weiter verstärken. “Sie macht mehr kaputt, als sie an Nutzen bringt.” Auch Gesundheitsminister Philipp Rösler sieht die neuen Vorschläge eher skeptisch. Die Offenheit für Organspenden könne mit Sicherheit nicht angeordnet werden.

Freiwillige Organspenden sind die Lösung

“Ich halte nichts von Zwang,” so Rösler in einem Gespräch mit der “Welt am Sonntag”. Mit Zwangsmaßnahmen würden keine Vorurteile abgebaut, sonder eher verstärkt. “Die Überzeugung, anderen zu helfen, ist der stärkste Beweggrund für die Organspende. Das kann nur freiwillig geschehen.” Der Minister setzt sich für mehr Intensivstationen ein, in denen sich Ärzte die Angehörigen über Organspenden informieren und die Organisation übernehmen. Die Idee zu solchen “Transplantations-Beauftragten” entstand bereits bei der Ex-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD).

Organspendeausweis ist eher selten    

Eine offene Diskussion über das Thema Organspenden ist wohl längst überfällig. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation warten aktuell 12.000 Menschen auf ein Spenderorgan. An jedem Tag steigt diese Zahl schwer kranker Patienten. Vor allem werden Nieren, aber auch Herz, Lunge und Leber benötigt. An jedem Tag sterben drei Menschen, weil für sie kein passendes Organ gefunden werden konnte. Nach einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung würden zwar 70 Prozent der Menschen in Deutschland ihre Organe spenden. Doch nur 17 Prozent der Befragten haben einen Organspendeausweis.

Kliniken müssen Hirntote melden

Ein weiterer Aspekt müsste ebenfalls diskutiert werden. Nach Einschätzung des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach verhalten sich die Kliniken in vielen Situationen nicht richtig. “Viele Krankenhäuser unternehmen zu wenig, um Transplantationen zu ermöglichen.” Die Kliniken sind haben die Pflicht, Hirntote als potentielle Organspender zu melden. Doch Fachleute sind der Meinung, dass die Kliniken diese Meldungen versäumen. Der aufreibende und hektische Alltag in den Krankenhäusern verhindert die Weitergabe von Informationen, die viele Menschenleben retten könnte.

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