Bürokratie verschlingt ein Viertel der Gesundheitskosten
Montag, 02. Jan 2012, 13:42
Das Gesundheitssystem verursacht zu viele unnötige Kosten
Die Unternehmensberatung A. T. Kearney hat 6.000 Ärzte, Sanitätshäuser und Apotheker befragt. Nach Angaben des Unternehmens sind im vergangenen Jahr im Gesundheitssystem insgesamt 176 Milliarden Euro ausgegeben worden. Von dieser Summe machten die Kosten für die Bürokratie erstaunliche 23 Prozent aus. Offiziell haben die Krankenkassen 9,5 Milliarden Euro für Verwaltungskosten ausgegeben, doch das ist nach der Auswertung der Untersuchung nur ein Teil der gesamten Aufwendungen. Die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) müssen danach nicht nur ihre eigene Bürokratie finanzieren, sondern sie verursachen weitere Kosten in den Kliniken, bei den Ärzten und in den Apotheken. Man müsse weitere 18 Milliarden Euro zu den Verwaltungskosten dazu rechnen. Klinikärzte müssen beispielsweise 37 Prozent ihrer Zeit mit Verwaltungsaufgaben verbringen. Auch verursachen Abrechnung und Praxisgebühr bei den Medizinern hohe Ausgaben.
Starke Beitragssenkungen durch bessere Organisation
In der Industrie, so die Berater, liegt der Anteile der bürokratischen Kosten nur bei 6,1 Prozent. Das Gesundheitssystem insgesamt und seine Strukturen seien für die ausufernden Kosten verantwortlich. Das System habe "einen Grad der Komplexität erreicht, der nicht mehr angemessen beherrschbar ist". Die Experten gehen davon aus, dass durch schlankere und einfachere Organisationsformen sehr viel Geld einsparen ließe. Der Beitragssatz zur gesetzlichen Krankenversicherung könnte daher ohne weiteres von aktuell 15,5 Prozent auf 14,2 Prozent gesenkt werden.
Gesundheitswesen ist kein Industriebetrieb
Der Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, Florian Lanz, hat bereits zu den Ergebnissen der Studie Stellung genommen. Der Vorwurf von einem Zuviel an Bürokratie habe in einer derartigen Pauschalisierung keinen Bezug zur Realität. Wenn man die Kosten für die Dokumentation von Behandlungen und Therapien kritisiere, so sei das nicht adäquat. Eine ausführliche Dokumentation sei unbedingt notwendig für eine gute, effiziente und auch nachvollziehbare Medizin. "Wenn wir in Deutschland Menschen genauso am Fließband behandeln würden wie die Industrie Autos baut, könnten wir die Kosten für bürokratische Abläufe im Gesundheitswesen sicherlich auf Industrieniveau drücken – aber wer möchte schon so automatisiert behandelt werden?"
Opposition setzt weiter auf die Bürgerversicherung
Auch der gesundheitspolitische Sprecher der SPD kritisierte die hohen Verwaltungskosten. Karl Lauterbach sieht die Pflicht zur Dokumentation und das diffizile und schwierige Abrechnungssystem als Verursacher von unnötigen Ausgaben. Die Selbstverwaltung der Ärzte und Krankenkassen sei auf diesem Gebiet gescheitert. 140 Krankenkassen, 15 Kassenärztliche Vereinigungen und die Krankenhausgesetze der Länder haben aus seiner Sicht zu einem Dickicht von Regelungen, Verträgen und Gesetzen geführt. "Wir haben uns zu lange von der Selbstverwaltung auf der Nase rumtanzen lassen, anstatt den Bürokratieknoten zu durchschlagen." Für den SPD-Politiker wäre auch für diese Belange die Bürgerversicherung die beste Lösung.
Vorteile für Versicherte durch Verträge und Gesetze
Mit einem Systemwechsel würde ein einheitliches und einfaches Abrechnungssystem eingeführt. Die Pflicht zur Dokumentation könne auf ein notwendiges Mindestmaß beschränkt werden. So würde man jährlich etliche Milliarden Euro einsparen können. Der GKV-Spitzenverband aber sieht die Situation anders und führt als Beispiel die Rabattverträge an. Diese Verträge sind sicherlich für eine ganze Reihe bürokratischer Maßnahmen verantwortlich. Aber: "Wenn Apotheker ein günstiges Arzneimittel mit Rabattvertrag heraussuchen muss, dann ist es aus ihrer Sicht vielleicht unnötige Bürokratie – aber viele Patienten sparen dadurch die Zuzahlung."






