Gesundheit

Studie: Angst vor Hartz IV belastet die Psyche

Donnerstag, 27. Mai 2010, 16:46
Die neue Hartz IV-Gesetzgebung ist für viele Erwerbslose offenbar extrem belastend. Einer Studie der Techniker Krankenkasse zufolge melden sich immer mehr Arbeitslose krank. Besonders psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen haben deutlich zugenommen.
Viele Harzt IV-Empfänger werden durch die finanzielle Belastung psychisch krank.

Viele Harzt IV-Empfänger werden durch die finanzielle Belastung psychisch krank.

Durch das Inkrafttreten der Hartz-Gesetze stehen viele erwerbslose Bundesbürger und ihre Familien unter enormen Druck. Bereits nach einem Jahr in der Arbeitslosigkeit droht ein Abstieg in die Armut. Diese Anspannung spiegelt sich auch immer häufiger auch in der Gesundheit der Betroffenen wider. Eine Studie der Techniker Krankenkasse hat nun gezeigt, dass die Krankmeldungen von Empfängern von Arbeitslosengeld I  stark angestiegen sind. So erhöhten sich die Fehltage seit 2006 um 28 Prozent auf durchschnittlich 22,5 Tage. Besonders in den Mittelpunkt rückten dabei psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen. Krankschreibungen aufgrund solcher Beschwerden stiegen sogar um 44 Prozent an.

Teufelskreis Hartz IV

Wohlfahrtsverbände und Kritiker der Hartz IV-Gesetzgebung sind sich einig, dass vor allem die Angst vor der Armut und der damit verbundene soziale Abstieg eine große Rolle für dieses Ergebnis spielen. Der Weg aus diesen kritischen Lebensumständen ist meist nicht mehr so einfach. Für zahlreiche Menschen rücken Hartz-IV-Empfänger unbewusst an den Rand der Gesellschaft. Die schlechteren finanziellen Bedingungen sind ein entscheidender Faktor, weshalb die Betroffenen häufig immer tiefer in die Schuldenfalle rutschen.

Auch Angehörige betroffen

Aber nicht nur die Arbeitslosen selbst leiden unter dieser Zwangslage. Auch die Familien der Betroffenen werden zunehmend durch den steigenden Druck belastet. Experten warnen schon seit längerem, dass besonders die Kinder frühzeitig außerhalb der Familie gefördert und betreut werden sollten. Ihnen wird somit eine Perspektive geboten, später einmal aus dem Teufelskreis Hartz IV ausbrechen zu können. In Deutschland leben mittlerweile 6,7 Millionen Menschen von Hartz IV.

Beschäftigte sind seltener krank

Dass Arbeitslosigkeit krank machen kann, hat auch schon Anfang 2010 eine Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes gezeigt. Etwa eine halbe Millionen Erwerbslose sind von gesundheitlichen Beschwerden betroffen. Angaben der Agentur für Arbeit zufolge haben sich in den ersten elf Monaten des letzten Jahres 1,7 Millionen Arbeitslose krank gemeldet. Das sind ungefähr 13 Prozent mehr als bei Erwerbstätigen. Dennoch neigen auch Beschäftigte mit befristeten Arbeitsverträgen, mehr als fünf Arbeitstagen in der Woche oder langen Arbeitswegen häufiger zu psychischen Erkrankungen. Damit bestätigt sich, dass nicht nur Erwerbslosigkeit, sondern auch die Angst um den Arbeitsplatz krank machen kann.

Dirk Rohde meint:

am 27. Mai 2010 um 19:58

Wenn Sie nicht bereit sind, für einen Job ans andere Ende der Republik zu ziehen, sind sie nicht nur arbeitsscheu sondern gelten auch als Spielverderber. Und wir alle wissen was mit Spielverderbern passiert. Sie dürfen über kurz oder lang nicht mehr mitspielen, werden exkludiert - abgeschoben aufs Abstellgleis. Verlangt wird der grenzenlos flexible, unbeschränkt belastbare Arbeitnehmer, unglaublich gesund, unglaublich robust und leistungsfähig. Wir leben in einer Gesellschaft, in der unbegrenzte Leistungsfähigkeit zählt und nichts sonst, in der der Marktwert zählt, in der der Wert des Menschen nur am Lineal der Ökonomie gemessen wird. Der bloße homo faber ist Vergangenheit. Er war der Mensch der Moderne. In der Postmoderne reicht es nicht mehr wenn der homo faber, der Mensch einfach arbeitet. Er muss ein homo faber mobilis sein. Er soll in höchstem Maß flexibel, mobil und anpassungsfähig sein. Seit langem wird daher so getan, als sei ein Mensch, wenn er keine Arbeit hat und auch keine kriegt, schlichtweg nicht ausreichend flexibel, nicht ausreichend mobil, nicht ausreichend anpassungsfähig. An der Arbeitslosigkeit ist also angeblich nicht zuletzt derjenige selbst schuld, der keine Arbeit hat – wäre er genügend mobil, flexibel und anpassungsfähig, wäre er also nicht zu bequem, dann hätte er ja Arbeit. Viele Wirtschaftsinstitute und Wirtschaftsprofessoren, Wirtschaftsfunktionäre und Politiker verlangen daher den neuen Menschen, den homo faber novus mobilis, den Menschen also, der über seine Grenzen und Behinderungen hinauswächst.

René H. meint:

am 27. Mai 2010 um 21:03

Kann ich verstehen, ich war nach meiner Ausbildung bei ALG I auf Hartz IV Niveau 9 Monate arbeitslos und obwohl ich arbeiten wollte hat mich der Druck der ARGE zusammen mit dem Gefühl ohne Arbeit wenig wert zu sein in heftige Depressionen gestürzt - die haben extreme Antriebsstörungen verursacht und machten mir den Kampf für den Wiedereinstieg noch viel schwerer. Ich möchte nie wieder arbeitslos sein, das war die schrecklichste Zeit meines Lebens.

Bernd Meier meint:

am 28. Mai 2010 um 09:21

Ich finde solche Artikel eigentlich ja toll, aber wen kümmert's. Es ist genauso, als wenn man liest, dass jedes Jahr auf der Welt eine Million Menschen verhungern. Solche Artikel kann man 100 Jahre lang schreiben, nichts wird sich ändern. Ich muss ehrlich gestehen, ich habe aufgegeben, mich über solche schreienden Ungerechtigkeiten aufzuregen.

Hans-Jürgen Reglitzki meint:

am 28. Mai 2010 um 13:05

Es ist erschreckend, aber wen kümmert´s! Die Regierenden in Berlin werden meiner Meinung nach den Druck auf die ALG-II-Empfänger weiter verstärken. Dies ganz bewusst, denn die Mehrheit will ja durchweg arbeiten, aber wo sind die 6 Mio. Arbeitsplätze. Wenn diese da wären, dann wäre das Problem gelöst.
Aber so können so kleine Tsunamis, wie Westerwelle und Co., weiter auf den ALG-II-Empfängern weiter rumhacken, und sie der spätrömischen Dekadenz bezichtigen.
Da, wo dann wirklich Arbeitskräfte bebraucht werden, wird zukünftig Workfare eingesetzt. Kostenlose Arbeitskräfte, die von der BA mit dem Regelsatz bezahlt werden, sozialversichrt über die BA sind, und die Wertschöpfung der Kapitalisten erhöhen werden. Hoch lege die Dekadenz der Kapitalisten, dass und nichts anderes ist die Marschrichtung der regierenden Wiortschaftsbosse in Berlin.
Regi




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