Forschung

Spiritualität beruht auf Schäden des Großhirns

Montag, 15. Feb 2010, 19:16
Ist Religiösität nur ein Glaube an das Übernatürliche oder hat sie doch ganz einfache physische Ursachen, die medizinisch zu erklären sind? Italienische Forscher fanden nun bei krebskranken Patienten eine Region im Gehirn des Menschen, die die Selbsttranszendenz beeinflusst.
Religiösität sitz im Großhirn.

Religiösität sitz im Großhirn.

Nachdem Neurobiologen schon lange nach einer Erklärung für spirituelle Empfindungen des Menschen gesucht haben, fanden italienische Wissenschaftler der Universität Udine nun den Ursprung gewisser religiöser Erfahrungen. Für diese Erkenntnisse wurden Krebspatienten mit Gehirntumoren untersucht. Die Wissenschaftler überprüften, wie sich die Selbsttranszendenz dieser veränderte, wenn der Tumor entfernt wurde.

Selbsttranszendenz

Unter Selbsttranszendenz versteht man die Fähigkeit, sich nicht nur als Ich, sondern als Teil einer großen Gesamtheit zu fühlen. Es findet ein Überschreiten der eigenen Erfahrungsgrenzen in das Übersinnliche, den Bereich, der nicht in der eigenen Erfahrung liegt, statt. Es werden Bereiche des Denkens aktiviert, die über die Wahrnehmung und das einfache Vorstellungsvermögen schlichtweg hinausgehen. Die Selbsttranszendenz wird als Ziel der Philosophie und Religion beschrieben.

Untersuchung der Hirnareale

68 Patienten, die Gliome oder Meningeome, also ganz bestimmte Tumoren aufwiesen, wurden dafür untersucht. Anhand eines standardisierten Tests wurde die Stärke der Fähigkeit zur Selbsttranszendenz untersucht und die Hirnregionen ausgemacht, die durch die Operation geschädigt worden waren. Cosimo Urgesi, Franco Fabbro und die anderen Forscher des Teams wollten durch dieses Vorgehen feststellen, welche Veränderungen die Selbsttranszendenz jedes einzelnen vollzog und welchen Anteil dabei Stirn-, Schläfen- und Scheitelzonen dabei hätten.

Scheitellappen verursachen Spiritualität

Waren bestimmte Teile der hinteren Scheitellappen der Gehirnhälften beschädigt, trat eine Verstärkung der Selbsttranszendenz bei den Untersuchten auf. Die Forscher schlussfolgerten daraus, dass die Aktivität dieser Gebiete des Gehirns wesentlich die Spiritualität und Religiösität des Menschen beeinflussen würde. Eine Schädigung der hinteren Scheitellappen brachte die Patienten dazu, dass sie ihr Umfeld als ein mehr transzendentes wahrnahmen. Damit werden Andrew Newbergs Annahmen, dass solche Erfahrungen Konstruktionen des Hirns wären, bestätigt. Seit über zehn Jahren untersucht der Autor von vier Büchern dieses Phänomen. Er war bereits der Annahme, im oberen Scheitellappen würde die menschliche Spiritualität verarbeitet werden. Bei Menschen, die tief in Gebete oder Meditationen versunken sind, geht die Aktivität einiger Areale im Gehirn stark zurück. Sind die hinteren Scheitellappen dabei inaktiv, kann dies nach Newberg zur Selbsttranszendenz führen.




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