Entlassung

Institutsleiter erhebt schwere Vorwürfe gegen Pharmaindustrie

Montag, 08. Feb 2010, 15:09
Peter Sawicki, ein deutscher Arzt und Wissenschaftler, ist seit dem Jahr 2004 der Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG). Am 1. September diesen Jahres wird er das nicht mehr sein, denn sein Vertrag wurde nicht verlängert.
Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit entlassen.

Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit entlassen.

Kritisch gegenüber der Pharmaindustrie, ihren Produkten und Geschäftspraktiken war Peter Sawicki schon immer. Böse Zungen behaupten, dass eben diese kritische Haltung der Grund für den Verlust seiner Stellung ist. Die Pharmakonzerne jedenfalls mochten und mögen Peter Sawicki gar nicht. Das ist bis zu einem gewissen Grad verständlich, denn ein negatives Urteil über ein Medikament kann die Pharmaindustrie Millionen kosten. Denn das IQWIG ist vor allem zuständig für die Überprüfung von Arzneimitteln. Eine entsprechende Beurteilung kann dazu führen, dass die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für ein Arzneimittel nicht mehr übernehmen. Das Institut wird vom Gemeinsamen Bundesausschuss zu Untersuchungen beauftragt, einem Gremium, das den Leistungsumfang der gesetzlichen Krankenkassen festlegt. Eine “Dienstwagenaffäre” war das Aus für den IQWIG-Leiter. Die “hervorragenden inhaltlichen Leistungen des Instituts” sollen nicht mit Querelen über falsche Verwaltungsabläufe verwässert und belastet werden.

Krasse Anschuldigungen

Peter Sawicki hat nun sehr gravierende Vorwürfe gegen die Pharmahersteller erhoben. Es müsse unbedingt etwas unternommen werden, um zweifelhafte Geschäftspraktiken zu ändern. Es könne so nicht weitergehen, sagte Sawicki der “Frankfurter Rundschau”. “Wir brauchen eine Industrie, der wir vertrauen können, die uns nicht betrügt, die keine Studien unterschlägt, die keine Leute besticht.” Selbst die Manager der Pharmaindustrie hätten schon geäußert, dass ihr Ansehen in der Bevölkerung gleich nach den Drogendealern angesiedelt sei.

Profitdenken

Die Deutsche Pharmaindustrie lebe von Tricks, denn wirklich fortschrittliche Medikamente seinen rar und spärlich gesät. “In den letzten 20 Jahren hat sie sich etwas auf die faule Haut gelegt und darauf versteift, ihre eigenen Sachen zu kopieren und sie dann wieder als neue Mittel zu verkaufen.” Die ethische Verantwortung sei auch eher schwach ausgeprägt, denn Forschung und Behandlung von seltenen Krankheiten werden vernachlässigt und nicht ausreichend vorangetrieben. Der Grund ist klar: Weil es nur wenige Kleinkinder gibt, die beispielsweise an Enzymdefekten leiden, verspricht die Forschung auf diesem Gebiet kaum Gewinn.

Stimmungsmache

Zu seiner persönlichen Situation sagt der Institutsleiter, dass es schon seit Jahren gegen ihn gerichtete Aktivitäten gegeben hat. Die Industrie habe bei den Politikern Stimmung gegen ihn gemacht, die Lobbyisten seinen sogar im Kanzleramt gewesen. Er habe von vielen Politikern gehört, dass es tägliche Besucher aus der Industrie gegeben habe. Alle diese Besucher hätten sich über ihn beschwert. Die Gründe, aus denen sein Vertrag nicht verlängert worden sei, hält er für vorgeschoben. “Wenn man einen Hund schlagen will, findet man immer einen Stock.” Wenn man überhaupt von einem Schaden reden könne, so sei der nicht zu Lasten der Solidargemeinschaft entstanden.

Prinzipientreue

Im Koalitionsvertrag der schwarz-gelben Koalition ist bereits festgeschrieben, dass die Arbeit des IQWIG überprüft werden soll. Die Akzeptanz der Entscheidungen sollte so verbessert werden. Auch Teile der Regierung und die Deutsche Krankenhausgesellschaft sollen sich gegen Peter Sawicki gestellt haben. Er hat immer nach den Prinzipien der “evidenzbasierten Medizin” gehandelt. Ein Medikament ist danach nur dann wirksam, wenn seine Effizienz durch wissenschaftlich fundierte Studien belegt wird. Trotz aller Anwürfe und Intrigen nimmt Sawicki keine Opferrolle ein. Er hätte seine Arbeit zwar gerne weitergeführt, aber “wenn bestimmte Politiker meinen, dass die Position anders besetzt werden soll, um mehr Akzeptanz auch bei der Industrie zu erreichen, dann ist das ihr gutes Recht”.




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